Berufseinstieg mit Schwierigkeitsgrad „Fortgeschritten“

Ausbildung, duales Studium, Praxiserfahrung – und trotzdem unsicher? Warum der Berufseinstieg heute mehr Klarheit braucht.

Inhaltsverzeichnis

Heute sprach ich telefonisch mit einer jungen Frau, 27 Jahre alt. Ausbildung abgeschlossen. Duales Studium abgeschlossen. Also eigentlich genau das, was man jungen Menschen seit Jahren empfiehlt: Mach eine Ausbildung, sammle Praxis, studiere vielleicht noch dazu – dann bist du gut vorbereitet.

Und trotzdem sagte sie Sätze, die ich in ähnlicher Form immer häufiger höre:

„Ich bin unsicher.“
„Ich kann mich nicht erwachsen ausdrücken.“
„Ich habe ein Studium fertig, aber KI-technisch bin ich sehr weit hinten.“
„Mein Gott, was haben wir da eigentlich gelernt?“
„Bei der Arbeit war ich nur Hiwi.“

Das hat mich beschäftigt.

Nicht, weil diese junge Frau nichts kann. Im Gegenteil. Sie hat gelernt, gearbeitet, Prüfungen bestanden, Praxiserfahrung gesammelt und durchgehalten. Aber sie fühlt sich trotzdem nicht wie jemand, der selbstverständlich in die Arbeitswelt startet.

Und genau da liegt aus meiner Sicht ein großes Problem: Viele junge Menschen scheitern nicht daran, dass sie nichts können. Sie verlieren Sicherheit, weil sie ihre eigenen Erfahrungen kleinreden, sich mit den falschen Bildern vergleichen und noch keine Sprache für das gefunden haben, was sie bereits mitbringen.

Herzlichen Glückwunsch: Der Berufseinstieg hat jetzt Schwierigkeitsgrad Fortgeschritten.

Unsicherheit trotz Abschluss

Was in dem Gespräch besonders deutlich wurde: Die Unsicherheit kam nicht nur aus der Bewerbungssituation. Sie kam auch aus dem ständigen Vergleich.

Andere wirken weiter. Souveräner. Erwachsener. Digital fitter. Besser vorbereitet. Auf LinkedIn sowieso alle strategisch positioniert, beruflich erfüllt und nebenbei offenbar kurz davor, die Welt zu retten.

Nur man selbst sitzt da und denkt:
Ich habe zwar Ausbildung und Studium geschafft, aber warum fühle ich mich trotzdem nicht bereit?

Genau da habe ich ihr geraten, mit diesen Vergleichen vorsichtig zu sein. Nicht, weil Orientierung an anderen grundsätzlich falsch ist. Man kann sich inspirieren lassen. Man kann von anderen lernen. Aber der falsche Vergleich macht klein.

In Anlehnung an einen buddhistischen Gedanken könnte man sagen: Achte darauf, womit und mit wem du dich vergleichst. Denn der Vergleich entscheidet oft darüber, ob du wächst – oder ob du dich selbst abwertest.

Wenn ich mich am perfekten Außenbild anderer messe, verliere ich fast immer. Weil ich meine Unsicherheit mit deren fertiger Fassade vergleiche. Meine Zweifel mit deren Profiltext. Meine Suchbewegung mit deren Erfolgsmeldung.
Das ist kein fairer Vergleich.

Das ist Selbstsabotage mit WLAN.

Gerade beim Berufseinstieg ist wichtig: Du musst nicht dort starten, wo andere scheinbar schon angekommen sind. Du musst verstehen, wo du stehst, was du mitbringst und welcher nächste Schritt für dich sinnvoll ist.

„Ich war doch nur Hiwi“ – warum Erfahrung oft unterschätzt wird

Dieses kleine Wort „nur“ begegnet uns im Coaching ständig.

„Ich war nur Werkstudent.“
„Ich habe nur zugearbeitet.“
„Das war nur ein Praktikum.“
„Ich war nur Hiwi.“

Dieses „nur“ macht Erfahrung kleiner, als sie ist.

Denn hinter „nur Hiwi“ kann vieles stecken: Recherche, Organisation, Datenpflege, Kommunikation, Abstimmung mit Kollegen, Umgang mit Tools, Zuverlässigkeit, Einarbeitung in neue Themen und Verantwortung im Kleinen.

Das Problem ist oft nicht fehlende Erfahrung. Das Problem ist fehlende Übersetzung.

Aus „Ich war nur Hiwi“ wird dann zum Beispiel:
„Ich habe wissenschaftliche Inhalte recherchiert, Daten strukturiert, organisatorische Abläufe unterstützt und mich zuverlässig in neue Themen eingearbeitet.“

Aus „Ich habe nur zugearbeitet“ wird:

„Ich habe gelernt, Aufgaben zuverlässig umzusetzen, Rückfragen zu klären, Prioritäten zu setzen und Ergebnisse vorzubereiten.“

Das ist kein Schönreden. Das ist Selbstklärung.

Und genau diese Selbstklärung braucht es beim Berufseinstieg. Denn ein Lebenslauf erzählt nicht automatisch, was jemand kann. Er zeigt erst einmal Stationen. Die eigentliche Arbeit besteht darin, daraus Kompetenzen sichtbar zu machen.

Professionell klingen, ohne sich zu verstellen

Besonders berührt hat mich der Satz:
„Ich kann mich nicht erwachsen ausdrücken.“

Ich glaube, viele junge Bewerber kennen dieses Gefühl. Sie möchten professionell wirken, aber nicht künstlich. Selbstbewusst, aber nicht überheblich. Kompetent, aber nicht so, als würden sie sich größer machen, als sie sind.

Genau da entstehen oft Bewerbungssätze, die niemand im echten Leben sagen würde:
„Mit großem Interesse habe ich Ihre ausgeschriebene Position zur Kenntnis genommen…“

Niemand spricht so. Nicht einmal Menschen, die „mit großem Interesse“ geboren wurden.

Gute Bewerbungssprache muss nicht steif sein. Sie muss klar sein. Professionell, aber menschlich. Selbstbewusst, aber ehrlich.

Dazu kommt ein neuer Druck: KI.

Der Satz „Ich habe ein Studium fertig, aber KI-technisch bin ich sehr weit hinten“ zeigt, wie schnell sich Kompetenz heute verschieben kann. Ein Abschluss fühlt sich nicht mehr automatisch wie Sicherheit an, wenn direkt die nächste Frage im Raum steht: Kannst du KI? Kannst du prompten? Kannst du digitale Prozesse verstehen?

Das ist viel für Menschen, die gerade erst starten.

Aber niemand muss am Anfang KI-Profi sein. Wichtiger ist digitale Grundsicherheit: neugierig bleiben, ausprobieren, Ergebnisse prüfen, Fragen stellen und verstehen, wo KI wirklich hilft.

KI-Kompetenz bedeutet nicht, jeden Hype mitzumachen. Sie bedeutet, neue Werkzeuge sinnvoll nutzen zu lernen.

Was junge Menschen beim Berufseinstieg wirklich brauchen

Vielleicht ist der Berufseinstieg heute tatsächlich anspruchsvoller geworden. Aber das heißt nicht, dass junge Menschen chancenlos sind.

Es heißt nur: Wir müssen sie anders vorbereiten.

Nicht mit dem Satz: „Du musst einfach selbstbewusster auftreten.“
Sondern mit echter Klarheit.

Was kann ich?
Was bringe ich mit?
Was fehlt mir noch?
Wie erzähle ich meine Erfahrungen?
Wie nutze ich neue Werkzeuge wie KI sinnvoll?
Wie bleibe ich handlungsfähig, auch wenn nicht jede Bewerbung sofort funktioniert?

Im Karrierecoaching und Bewerber Coaching geht es genau darum: sichtbar zu machen, was schon da ist – und daraus eine Sprache, Strategie und Haltung für den nächsten Schritt zu entwickeln.

Denn junge Menschen brauchen nicht noch mehr Druck.

Sie brauchen Orientierung. Feedback. Werkzeuge. Und manchmal jemanden, der sagt:

Du warst nicht „nur Hiwi“.
Du bist auch nicht „hinterher“, nur weil andere lauter auftreten.
Du hast angefangen, berufliche Erfahrung zu sammeln.

Jetzt machen wir sichtbar, was daraus werden kann.

3 Takeaways

1. Unsicherheit bedeutet nicht, dass keine Kompetenz da ist.
Viele junge Menschen bringen mehr mit, als sie selbst erkennen. Sie brauchen Hilfe, ihre Erfahrungen sichtbar zu machen.
2. Der Berufseinstieg erwartet heute früher Selbstständigkeit.
Digitale Tools, KI, Bewerbungsprozesse und hohe Anforderungen machen den Einstieg anspruchsvoller.
3. Gute Bewerbung beginnt mit Übersetzung.
Aus Studienprojekten, Nebenjobs, Praktika oder Hiwi-Tätigkeiten werden erst dann starke Argumente, wenn sie als Kompetenzen erzählt werden.

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